Digerhuvud – Helgumannens Fischerstelle – Langhammars – Langhammars Hammaren – Bondans

Inselhopping, Steine und ein Angriff!

Ein Sonnentag kündigt sich an. Wir stehen wie immer auf. Alte Menschen sind Gewohnheitstiere. 07:00 Uhr ist unsere Zeit. Wir können draussen frühstücken. Auf dem Campingplatz ist es ruhig, ausser dem Gequicke der beiden kleinen Kinder zwei Plätze weiter im großen Familienzelt.

Alles ist wie in einem schwedischen Bilderbuch-Campingplatz. Die Sonne scheint, die Kinder quitschen, die Kiefern wiegen sich im Wind, überall ist viel Platz, das Meer ist nicht weit, die Eltern sind relaxed, die anderen Camper sowieso (haben ja mit den Kindern nichts am Hut!).

Schon gestern haben wir entschieden, heute auf die Nachbarinsel zu fahren. Fårö liegt nördlich von Gotland und ist über eine gelbe Fähre verbunden. Gelb ist wichtig. Gelb heißt kostenlos. Viele derartige Fähren gibt es in Schweden ja auch nicht. Um Gotland herum liegen mehrere Inseln, meist sehr klein. Fårö ist mit weitem Abstand die größte davon und im Unterschied zu den anderen mit Gotland über eine Fähre verbunden.

Wir fahren tatsächlich recht lange zu unserem Ziel, gut eine ¾ Stunde. Gotland ist nicht klein! An der Fähre müssen wir nicht lange warten. Wir bekommen die nächste Fähre mit. Abfahrt 10:30 Uhr. Immerhin sind so viele Fahrzeuge an Bord, dass die Fähre fast voll ist. Auf Fårö liegt unser erstes Ziel in einem Naturschutzgebiet, Digerhuvud. An der Küste gibt es einen weiten Abschnitt mit nahezu unendlich vielen Rauka. Wir sind nicht ganz allein auf dem Parkplatz den wir ansteuern. Aber das Gebiet ist zu groß, um sich gegenseitig zu stören.

Nach einer ersten Erkundung gehen wir oberhalb der Rauka über einen Weg an der Küste entlang. Ab und an laufe ich mal zwischen die Steinformationen. Plötzlich über mir ein spektakuläres Theater und ich werde angegriffen! Seeschwalben, für ihre kompromisslose Aggressivität bekannt, stürzen sich auf mich und drehen auch kurz vor mir nicht ab. Ich bin wohl einem ihrer Nester zu nahegekommen. Als ich mich umdrehe um zu flüchten, sieht ein Tier seine Gelegenheit und hackt mir im Vorbeiflug auf den Kopf, als hätte ich es noch nicht begriffen. Alles geht zu schnell, Beweisfotos gibt es nicht.

Die schuldige Seeschwalbe?

Ganz in der Nähe des Kampfplatzes, wir müssen aber mit dem Auto fahren, gibt es wieder mal eine Fischerstelle. Wir bleiben dort allerdings nicht sehr lange. Gestern war Nationalfeiertag, heute ist Sonntag und in der kleinen Ansiedlung findet irgendwas statt. Eine Ozean Initiative hat einen Stand aufgebaut, Kaffee, Würstchen und andere Getränke werden ausgeschenkt, die Menschen kennen sich, stehen um den Stand herum und schwatzen. Wir gehören hier heute irgendwie nicht so recht hin.

Im Naturschutzgebiet Langhammars wollen wir uns die nächsten Rauka ansehen. Auf dem Weg dahin müssen wir unbedingt an einer der Windmühlen halten, die heute nicht mehr in Betrieb sind. Irgendwelche privaten Initiativen halten sie aufrecht, haben für ihre Restaurierung gesorgt. In diese kann man sogar hinein- und die beiden Stockwerke hinaufgehen. Alles ist stockfinster und nicht weiter abgesichert. Halt stimmt nicht ganz. Unten steht auf einem Schild in schwedischer Sprache, dass hier nichts gesichert ist und mit diesem Hinweis ist ja alles abgesichert. In Schweden ist man pragmatisch.

Während wir in Digerhuvud fast allein waren, müssen wir im Raukagebiet Langhammars Hammaren erstaunt feststellen, dass eine recht große Gruppe bunt zusammengewürfelter Schüler oder Studenten anwesend ist. Irgendwie mehr mit sich selbst beschäftigt, als mit der Natur drumherum. Aber kein Bus zu sehen. Rätsel über Rätsel. Nicht jedes muss gelöst werden.

Das Raukagebiet ist kleiner als das vorherige aber hier stehen die wesentlich spektakuläreren Gebilde.

Irgendwie haben wir jetzt genug Steine gesehen. Die Rauka sind Überreste von Korallenriffen. Immer wieder haben wir nach Fossilien Ausschau gehalten, aber es ist bei dem Zufallsfund vor ein paar Tagen geblieben. Bei den Überlegungen, was wir uns als nächstes auf dem Rückweg zum Campingplatz ansehen sollen, stellen wir beide fest, dass uns gar nicht mehr danach heute ist. Wir wollen im Campingplatz Café nur noch einen leckeren Kuchen verdrücken und den Tag dann am Meer beenden. Dann halten wir dennoch kurz an, als wir an Bondans vorbeifahren. Einem typischen Hof mit Wohnhaus, Stallungen und Mauer drum herum. Die Gebäude entsprechend der stufigen Erweiterung des Hofes in verschiedenen Baustilen. Soll für Gotland typisch sein. Besichtigen kann man den Hof nicht, nur von außen ansehen, er ist in Privatbesitz.

Schon recht weit vor der Fähre fällt mir ein Schild neben der Straße ins Auge: Wartezeit an dieser Stelle 1 ½ Stunden. ????? Kann das sein? Ich bin der schwedischen Sprache nicht mächtig und habe es sicherlich missdeutet. Aber eine kurze Zeit später: Wartezeit bis hier 1 Stunde. Beim nächsten Schild ist es dann Gewissheit: Wartezeit auf die Fähre bis hier 30 Minuten. Oha! In der Saison muss hier der Teufel los sein. Wir sind das fünfte oder sechste Auto in der Warteschlange und die Fähre legt soeben an. Die Zeit reicht für Heike noch, der Fahrerin des vor uns stehenden Wagens bei der Abdunklung eines Fensters zu helfen, für den Hund auf der Rücksitzbank.

Auf dem Campingplatz angekommen stellen wir als erstes fest, dass von den neun Campinggästen von gestern fünf abgereist sind. Soll uns nur recht sein. Im Café ist aber noch mehr los. Wo die Menschen auch immer herkommen. Wir vertilgen einen safrangelben flachen Reiskuchen, dessen Namen wir nicht verstanden haben (Saffranspannkaka?), der mit Kratzbeerenmarmelade (Salmbär) und Creme lauwarm serviert wird.

Inzwischen hat es sich abgekühlt, der Wind hat aufgefrischt und der Himmel zieht sich etwas zu. Ich gehe doch nicht ins Wasser, mir ist es zu kalt. Wir sitzen stattdessen eine Zeitlang auf einer Picknickgarnitur am Strand und bewundern den geringen Schiffsverkehr.

Anschließend geht Heike zurück zum Auto und ich laufe die weiße Bucht hoch und wieder runter, komme aber nicht so weit, sondern werde von einem Süßwasserzulauf gebremst der für ein Durchwaten zu tief ist. Dauert der Ausflug halt nicht so lange.

Auch das Abendessen können wir zwischen den Bäumen windgeschützt, aber immer noch ausreichend in der Sonne, vor dem Auto geniessen.

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